
Im Bereich Car Wrapping ist das Tempern (Nachheizen) von Fahrzeugfolien ein oftmals unterschätzter, aber absolut kritischer Schritt bei Voll- oder Teilfolierungen. Wer im Bereich Car Wrapping professionell arbeitet, weiss: Eine perfekte Folienanbringung endet nicht mit dem Aufbringen der Folie – sondern mit der richtigen Behandlung danach.
Was ist Tempern und warum ist es so wichtig?
Das Tempern, gelegentlich auch „Nachheizen“ genannt, dient im Grunde zwei Hauptzwecken:
- Memory-Effekt der Folie beseitigen: Viele Folien – insbesondere PVC-basiert oder kalandrierte Typen – haben eine Eigentendenz, sich nach dem Dehnen oder Anbringen wieder in ihre ursprüngliche Form zurückziehen zu wollen („Memory“). Wird dieser Effekt nicht kontrolliert durch Tempern beseitigt, kann es später zu Wellenbildung, Kantenablösungen oder Aufrollen kommen.
- Klebstoffaktivierung & Haftsicherung: Durch das Erhitzen wird der Klebstoff vollständig aktiviert bzw. fixiert, sodass die Haftung auf kritischen Stellen (Vertiefungen, Kanten, stark gedehnte Bereiche) optimal gewährleistet ist.
Kurz gesagt: Wer das Tempern vernachlässigt, riskiert versteckte Schwachstellen in der Folierung, die sich erst Wochen oder Monate später zeigen.
Empfohlene Temperaturen beim Tempern verschiedener Folien
Wie Sie der nachfolgenden Tabelle entnehmen können, geben namhafte Hersteller spezifische Nachbehandlungstemperaturen vor. Ein paar zentrale Richtwerte im Überblick:
| Hersteller & Folie | Nachbehandlungstemperatur | Hinweise zur Anwendung |
| 3M Wrap Film Serie 2080 | 93 – 102 °C | Vor dem Tempern muss die Schutzfolie entfernt werden. Es wird empfohlen, die Temperatur mit einem Infrarot-Thermometer zu messen, um eine Überhitzung zu vermeiden. |
| Avery Dennison Supreme Wrapping Film (SWF) | 90 – 95 °C | Diese Temperatur gilt für konvexe, konkave und zusammengesetzte Oberflächen, um die Folie zu fixieren und die optimale Haftung zu gewährleisten. |
| ORAFOL Oracal 970RA | 110 – 120 °C (230–248 °F) | Orafol empfiehlt, alle Kanten, Vertiefungen und gedehnten Bereiche auf diese Temperatur zu erhitzen, um den Klebstoff zu verankern. |
| Arlon Premium Colour Change (PCC | 95 – 105 °C | Arlon gibt für Kanten, Nähte und andere gedehnte Bereiche diesen Temperaturbereich an, um die Klebebindung zu stärken. |
| KPMF Wrapping Folie | ~ 100 °C | KPMF empfiehlt, den Klebstoff in stark beanspruchten Stellen durch Erhitzen auf ca. 100 °C vollständig zu aktivieren und die Folie zu setzen. |
Wichtig: Diese Angaben sind Herstellerempfehlungen. Es gilt, jeweils das Datenblatt der Folie zu prüfen und die Temperatur zuverlässig mit einem Infrarotthermometer oder Lasertemperaturmesser zu kontrollieren – die blosse Einstellung an einer Heissluftpistole genügt nicht.
Wann und wie wird temperiert – der Prozess im Überblick
Vorarbeiten
- Vor dem Tempern muss die Folie korrekt angebracht sein – insbesondere auf schwierigen Flächen wie Spiegelgehäusen, Stossfängern, Kanälen oder Kanten.
- Entfernen Sie gegebenenfalls die oberste Schutzfolie der Wrapfolie (z. B. bei glänzenden 3M-Folien).
- Stellen Sie sicher, dass keine Luftblasen oder Lufteinschlüsse unter der Folie sind – denn wenn beim Tempern Luft expandiert, kann die Folie beschädigt werden.
Das Tempern selbst
- Verwenden Sie eine leistungsfähige Heissluftpistole (ideal digital regelbar) und ein Infrarotthermometer zur Temperaturüberwachung.
- Halten Sie die Pistole in gleichmässiger Bewegung, in einem sicheren Abstand zur Folie (z. B. 5–10 cm), damit Sie nicht punktuell überhitzen oder die Folie beschädigen.
- Tempern Sie gezielt kritische Bereiche: Kanäle, Kanten, Übergänge, stark gedehnte Abschnitte. Auf flachen, unproblematischen Flächen genügt meistens die reguläre Anwendung.
- Temperaturziel erreichen und kurz halten: z. B. laut Hersteller ~90 °C bis über 100 °C. Solange die Temperatur erreicht ist und gleichmässig gehalten wird, kann sogar eine etwas höhere Temperatur akzeptabel sein – aber niemals darunter bleiben, sonst bleibt das Memory-Risiko bestehen.
Nach dem Tempern
- Nachdem die Temperatur erreicht und der Bereich behandelt wurde, die Fläche mit dem Filzsqueegee nochmal nachpressen (insbesondere Kanten & Überlappungen) um die Haftung sicherzustellen.
- Lassen Sie das Fahrzeug idealerweise ruhen (nicht unmittelbar der Witterung aussetzen), bis der Klebstoff vollständig aktiviert ist – oft mindestens 24 h.
Fehlerquellen & Risiken beim falschen Tempern
- Wird die Nachbehandlungstemperatur nicht erreicht (z. B. nur 70 °C statt ~90 °C), so verbleibt der Memory-Effekt weitgehend aktiv – d. h. die Folie will sich zurückziehen, was über kurz oder lang zu Wellen, Ablösungen oder Kantenlifting führt.
- Wird zu stark und punktuell erhitzt, kann es zu Verfärbung, Materialschädigung oder gar Ablösung der Folie kommen. Gleichmässige Bewegung ist daher essenziell.
- Luftblasen unter der Folie: Beim Erhitzen expandierende Luft kann die Folie anheben oder in seltenen Fällen reissen. Daher vor dem Tempern sorgfältig prüfen.
- Ungenügendes Gerät oder fehlende Temperaturmessung: Wer nur eine Heissluftpistole ohne Laserthermometer verwendet, kann die Temperatur nur raten – das ist deutlich zu unsicher für hochwertige Anwendungen.
Unsere Tipps für Profis im Car Wrapping
- Investieren Sie in ein gutes Infrarotthermometer und eine hochwertige Heissluftpistole mit Temperaturregelung. Das zahlt sich in der Qualität Ihres Wraps aus und wird Ihr Differenzierungsmerkmal bei Kunden sein.
- Arbeiten Sie in einer gut temperierten Umgebung (idealerweise 20–25 °C Raumtemperatur) – zu kalte oder zu warme Umgebung beeinträchtigt sowohl Folienhandling als auch Klebstoffleistung.
- Dokumentieren Sie Ihre Arbeit – z. B. indem Sie nach dem Tempern Fotos machen, Temperaturwerte messen und ggf. protokollieren. Dies kann helfen bei Qualitätssicherung, Garantie und Kundenkommunikation.
- Verwenden Sie für komplexe Flächen eine Pre-Stretch + Heat-Shrink Methode: Dehnen Sie leicht die Folie kalt vor, applizieren Sie sie, und danach gezielt erhitzen – so erzielen Sie einen spannungsfreien Sitz in Kurven.
- Schulen Sie Ihre MitarbeitenInnen laufend auf diesen Schritt – denn viele Probleme und Reklamationen im Nachgang (z. B. Kantenlifting) sind direkt auf fehlerhaftes oder unterlassenes Tempern zurückzuführen.
- Berücksichtigen Sie regionale Faktoren: In Österreich, der Schweiz bzw. ganz Mitteleuropa haben wir oft wechselnde Temperaturen und Feuchtigkeit – das beeinflusst sowohl die Anwendung als auch die Nachbehandlung. Eine kontrollierte Indoor-Umgebung ist hier oft von Vorteil.
Fazit
Das richtige Tempern ist kein optionaler Luxus, sondern ein zentrales Qualitätsmerkmal im professionellen Car Wrap-Arbeitsprozess. Wenn Sie die Herstellertemperaturen einhalten, die kritischen Stellen sorgfältig behandeln und mit den richtigen Werkzeugen arbeiten, sichern Sie sich eine langlebige und makellose Folieninstallation – und damit zufriedene Kunden und weniger Reklamationen.
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